5. Zukunft

Trotz der seit vielen Jahren anhaltenden weltweiten Forschungsaktivitäten gibt es aktuell noch keine Aussicht auf Heilung eines sich manifestierenden Typ I Diabetes oder darauf, die Entwicklung eines solchen vorbeugen zu können. Selbst wenn wir uns bewusst sind, dass dieser Abschnitt bereits veraltet ist, bevor er gelesen wird, muss bei neuen Forschungsresultaten und Medienmitteilungen immer daran gedacht werden, dass diese in der Praxis leider meistens nicht halten, was sie ursprünglich versprochen haben, dass es in aller Regel viele Jahre geht, bis eine Methode genügend erprobt ist, um ausserhalb von Forschungsprojekten verwendet zu werden und dass dann noch einmal mehrere Jahre vergehen können, bis diese Methode bei Kindern angewendet werden darf.

 Wir unterscheiden grundsätzlich drei Ansätze in der Forschung: 1. Das Vorbeugen des Typ I Diabetes bei Risikopersonen, 2. der künstliche oder „natürliche“ Ersatz der Insulinfunktion der Bauchspeicheldrüse, und 3. Alternativen zur Insulininjektion.

  1.  Das Vorbeugen des Typ I Diabetes bei Risikopersonen zielt zum Beispiel auf Geschwister von an Typ I Diabetes erkrankten Kindern. Hierfür bieten sich immunologische Massnahmen an. Dies wäre zum Beispiel eine Impfung oder eine sogenannte Immunmodulation. Untersuchungen zur Prävention des Diabetes mit Impfungen, die die Immunreaktion, die schliesslich zum Diabetes führt verhindern sollten, waren bisher allesamt nicht erfolgreich. Immunmodulierende Medikamente sollen das Fortschreiten der Immunreaktion blockieren, die zur Zerstörung der Insulin produzierenden Zellen führt. Auch hier konnten bisher keine nachhaltig positiven Resultate erreicht werden, die Nebenwirkungen der Behandlung überstiegen deren Nutzen. Bei Mäusen konnte in einer 2009 veröffentlichten Studie mittels einer gezielten Manipulation spezieller Zellen des Immunsystems die Entwicklung eines Typ I Diabetes verhindert werden; die Sicherheit dieser Methode und deren Übertragbarkeit auf den Menschen ist aber noch vollkommen unklar.
     
  2. Beim künstlichen Pankreas („closed loop system“) wird eine implantierbare Insulinpumpe (vergleichbar mit einem Herzschrittmacher) mit einer kontinuierlichen Blutzuckermessung verbunden und über einen Computer gesteuert. Dies kling verlockend, das Hauptproblem dieser Lösung ist immer noch die kontinuierliche Blutzuckermessung, die zu wenig genau und vor allem zu wenig langlebig ist; hier könnte sich aber in den kommenden 10 Jahren etwas bewegen.

    Der „natürliche“ Ersatz, das heisst die Transplantation der Insulin produzierenden Zellen geschieht entweder mittels Pankreas (Bauchspeicheldrüse) Transplantation oder über die Verabreichung von gezüchteten oder aus Spenderorganen gewonnenen Zellen (Inselzell Transplantation). Die Pankreas Transplantation wird in aller Regel mit einer Transplantation der Nieren verbunden und wird also nur bei schwer erkrankten „alten“ PatientInnen gemacht, wenn gleichzeitig die Nierenfunktion ersetzt werden muss. Hierbei besteht eine bereits jahrelange Erfahrung und die Resultate sind gut; wegen der notwendigen medikamentösen Immunsuppression, die die Abstossung der transplantierten Organe verhindern soll, handelt es sich hierbei aber in keinem Fall um eine Heilung; zudem stehen viel zu wenig Spenderorgane zur Verfügung. Diese Methode kommt für Kinder und Jugendliche mit einem Typ I Diabetes nicht in Frage.

    ie Transplantation von aus Spenderorganen gewonnenen Inselzellen ist recht erfolgreich, nach einigen Jahren müssen aber alle PatientInnen wieder Insulin spritzen. Die Inselzelltransplantation wird in erster Linie durch das Fehlen von Spenderorganen, aus denen die Zellen gewonnen werde müssen, limitiert, weswegen versucht wird nicht menschliche Zellen (Xenotransplantation) zu nutzen oder andere menschliche Zellen (Blutzellen, Leberzellen, Zellen aus dem Nabelschnurblut) mit Stammzellfunktion zu gewinnen und in Insulinproduzierende Zellen umzuwandeln. Dieser Ansatz ist deswegen interessant, weil dabei Zellen, die vom Patienten selber gewonnen wurden, verwendet werden, was deren Langlebigkeit wesentlich verbessern könnte.
     
  3. Alternativen zur Insulininjektion wurden in Form von Nasenspray, Inhalation, Tabletten und Suppositorien („Zäpfli“) erprobt. Alle diese Ansätze sind aber nicht genügend, weil die damit erreichte Insulinwirkung zu unberechenbar (vermehrt Hypoglykämien) oder zu langsam war und deren Verabreichung zu lokalen Reizungen der Schleimhäute führte.
PD Dr. med. Udo Meinhardt, Medizinischer Beirat Swiss Diabetes Kids, Februar 2012